Der Dieb und der Meuchler Der erste Zauber Der Goldene Ork Der Ritt auf dem Regenbogen Der Sturm auf Anchorpan Der Tag an dem die Sonne nicht kam Der Zauberbaum Die Ebene der Geschichten Die Höhle Ein Wunsch der Götter Gedanken eines Drachen Im Schatten des Wehrturms Reisebericht eines Abenteurers |
Im Schatten des großen Wehrturms
Dunkel, im Schatten des großen Wehrturmes stand fast unsichtbar eine Gestalt. Sie hatte die Hände locker an der Seite baumeln und blickte starr vor sich hin, verträumt und auch angespannt. Dies war sie auch. Soeben kam sie aus dem Haus auf gegenüberliegenden Seite. Dort hatte die Gestalt einen Auftrag ausgeführt. Einen Auftrag, den sie von jemandem bekam, den sie gar nicht kannte. Der Auftrag hieß schlicht, töte Engar Hannsken, den Händler. Dafür bekam die Gestalt Gold, so wie vereinbart. Woller, so nannte sich die Gestalt, wartete gelassen im Schatten des großen Wehrturmes, sah nicht ein einziges mal hoch, sondern blickte nur stumm vor sich. Innerlich waren seine Sinne auf alle Geräusche und Gefahren eingestellt. Aber er konnte nichts spüren oder hören. Er war alleine, ebenso alleine wie Engar Hannsken, der Händler, als er ihn weckte um ihn dann den verborgenen Doch in die Brust zu stoßen. Woller wusste, das er den brechenden Blick des Händlers nie vergessen würde, ebenso wie die Blicke der anderen die er schon gemeuchelt hatte. Das war er, das war Woller, ein Meuchler. Sie selbst, die Zunft zu der er gehörte, nannte sich Assassinen, aber die Leute sprachen nur von ihnen als die Meuchler. Woller wusste schon gar nicht mehr, wie lange er diesem recht einträglichen Geschäft nachging. Es müssen Jahre sein, oder auch Jahrzehnte. Er war der beste, der beste Meuchler der Assassinen. Er hatte es weit gebracht. So weit, das er nicht mehr jedes Angebot annehmen musste. Er konnte sehr sorgfältig wählen. Und das tat er auch. War ihm eine Sache zu heiß, ließ er die Finger davon. Er wusste sicher, das er eines Tages seine Schulden beim Gott der Toten bezahlen musste, die Schulden für den Tod anderer Menschen. Und Woller war äußerst darauf bedacht, diesen Tag möglichst lange hinauszuzögern. Noch immer stand er unbeweglich da und starrte vor sich auf den Boden. Aus den Augenwinkeln sah er das haus in den er eben gewesen war. Keine Bewegung rührte sich von dort. Kein Licht drang aus den kleinen Fenstern. Und das Haus hatte jede Menge Fenster. Engar Hannsken, der Händler, war ein reicher Mann. Sehr reich und auch sehr mächtig. Er hatte viele Freunde, aber auch viele Feinde. Engar Hannsken war kein guter Mensch, er hatte sicher viele andere in den Ruine getrieben, er hatte sicher keinen mit seinen Händen oder einem Dolch getötet, aber wie viele er in den Tod trieb, wusste auch keiner. Somit war Enkar Hannsken nicht anderes, wie ein Meuchler. Er musste seine Schuld sicher auch eines Tages begleichen Und dieser Tag war heute. Woller war aufgefallen, das der Händler nicht einmal einen Erschrockenen Eindruck machte, als er diesen geweckt hatte. Auch bemerkte er keinen Entsetzen in seinen Augen als er den kalten Dolch in seiner Brust fühlte. Sicher hatte Engar Hannsken diesen Tag an dem er gemeuchelt werden würde schon erwartet. Der Händler unterhielt ein fast ein Dutzend Mann starke Einheit, die nur zu seinem Schutz angeheuerte waren. Diese Männer waren gut, sie verstanden ihr Handwerk. Woller wusste das. Er hatte zwei vergebliche Versuche abbrechen müssen, da die Leibwächter zu genau aufpassten. Aber diesmal kam er ihnen zuvor. Sie halten noch immer Wache. Sie wissen noch gar nicht, das ihr Herr bereits tot war. Sie ahnen nichts. Woller lächelte innerlich, äußerlich blieb sein Gesicht unverändert. Wieder hörte er genauestens dir Umgebung ab. Alles war ruhig. Nur eines machte Woller Gedanken. Er befand sich noch immer in der Nähe des Hauses. Das war nicht seine Art. Für ihn gab es immer nur eines. Möglichst schnell weg vom Ort des Geschehens. Das machte Woller Sorgen, das er nicht den Wunsch verspürte, zu verschwinden. Mehrere Dinge schossen ihm durch den Kopf. Hatte er etwa einen Fehler begannen. War Enkar Hannsken noch nicht tot? Hatte er das falsche Haus bestiegen? Nein, er war sicher tot. Er hatte es gesehen. Und das haus stimmte auch. Und der Mann, den er aufweckte und meuchelte, war Enkar Hannsken, der Händler. Er hatte sich den Mann lange angesehen um solche Fehler zu vermeiden. Er war nicht umsonst der beste. Ihm unterliefen auch keine Fehler, das konnte er sicher ausschließen. Trotzdem beunruhigte es ihn stark, das er noch immer hier stand und keinen Wunsch verspürte, wegzugehen. Vielleicht, so schoss ihm durch den Kopf, waren noch weitere Wachen um das Haus herum verteilt. Aber dann hätte sein Gefahreninstinkt sicher schon angeschlagen und ihn gewarnt, hier unter dem großen Wehturm stehen zu bleiben. Hier war er vorerst sicher, seine Kleidung hatte er wie immer sorgfältig gewählt. Sie hatte annähernd die gleiche Farbe wie die Mauern des Turmes. Woller war somit unsichtbar. Und er war sich sicher, das nicht einmal die Augen eines Elfen reichen würden, um ihn hier erkennen zu können. Wieder beobachtete er das haus. Sein Blick blieb an jedem Fenster für kurze Zeit hängen. Gespannt sah er hin, aber alles blieb dunkel und auch kein Geräusch drang aus dem großen Haus. Aus dem haus nicht, aber die Straße entlang hörte er Schritte. Nur eine Sekunde dauerte die Aufregung, dann hatte Woller sich wieder voll unter Kontrolle. Geräuschlos drehte er sich der Gefahr entgegen. Er konnte sie sehen. Zwei Gestalten kamen näher. Es schien sich offensichtlich um Bewaffnete zu handeln, das klirren der Metallteile, die gegeneinander schlugen, verrieten es ihm. Vielleicht Wachen der Stadtgarde, oder Abenteurer. Sicher hatten die beiden nichts zu verbergen. Dafür waren sie zu laut. Aber noch immer spürte er nicht den Wunsch sich aus dem Staub zu machen. Gut, er war hier im Schatten des großen Wehrturm unsichtbar, aber die beiden waren auch noch zu weit entfernt. Noch könnte er verschwinden. Sie würden das sicher nicht bemerken. Aber er blieb stehen. Er bewegte sich nicht. Die Schritte kamen näher, bald würden sie auf einer Höhe mit ihm sein. Jetzt konnte er auch Gesprächsfetzen hören. Diese beiden schienen Abenteurer zu sein. Zu unterschiedlich war ihre Kleidung. Flüsternd unterhielten sie sich, Woller konnte nicht verstehen, um was es ging. Er atmete ruhig, gleichmäßig, dann hatten sie ihn erreicht. Aber nichts deutete darauf hin, das sie ihn bemerkten. Ohne Unterbrechung setzten sie ihre Unterhaltung fort. Der eine redete jetzt fast ununterbrochen, der andere stimmte ihn mit kurzen Lauten zu, oder verneinte diese. Gespannt blickte Woller ihnen nach. Sie bemerkten ihn nicht. Unsichtbar für die beiden Abenteurer stand er im Schatten des großen Wehrturms. Jetzt waren sie vorbei. Das flüstern wurde leiser, verstummte schließlich ganz. Plötzlich deutete einer der beiden mit dem ausgestreckten Arm nach rechts und beide folgten der angezeigten Richtung, dann verschwanden sie hinter dem haus des Händlers aus seinen Augen und bald auch die Geräusche ihrer Schritte aus seinem Gehör. Vorsichtig blickte Woller sich erneut um. Aber keine weiteren Gestalten zeigten sich des Nachts auf der Straße. Aber noch immer blieb Woller stehen im Schatten des großen Wehrturms. Unbeweglich, unsichtbar, ohne den Wunsch von hier fort zu gehen. Und das beunruhigte ihn stark. Er fühlte wie der Wind geräuschlos durch sein Gesicht strich, fast als wolle er beruhigend über seine Wangen streicheln. Aber Woller war bereits ruhig. Zu ruhig. Er fühlte Ruhe, Frieden, Befriedigung, das fühlte er in sich und auch um ihn herum. Gerade so, als ob es nichts gab, was diesen Frieden stören könnte. Er erschrak auch nicht, als er die Gestalt plötzlich neben sich stehen sah. Genauso wie er und der Schatten des großen Wehrturms strahlte auch die ihm unbekannte Gestalt neben ihm Ruhe und Frieden aus. Woller blickte sie an. Er fühlte den Blick des Fremden in seinem Gesicht. Das Gesicht war ihm unbekannt, aber dennoch kannte er es. Es war alt und neu zugleich. Ohne ein Wort zu sagen, wusste Woller, was der Fremde von ihm wollte. Er wollte ihn, er wusste der Moment war da, wo er für seine Taten zahlen sollte. Er stand vor seinem Gott, blickte ihn an. Aber was er nicht verstand war, er war noch am Laben. Er war nicht tot. Niemand hatte ihn getötet. Er war sich sicher, er war am Leben. Noch immer blickte er den Fremden an, der ihn auch so vertraut war. In seinen Augen konnte er Zukunft und Vergangenheit erkennen, deutlich lesen. Die Augen waren schwarz, schwarz wie die Unendlichkeit der Welten. Dann breitete sich die Farbe aus. Zuerst über das Gesicht des Fremden, dann über seinen Körper, dann über Woller. Dann verdunkelte er noch den Schatten des großen Wehrturms in dem beide eben noch gestanden hatten. |